Gepostet von am 30. August 2017 im Allgemein | Keine Kommentare

EINLADUNG ZUR TEILNAHME AM PILOTPROJEKT

In Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne testet SwissERM die Auswirkungen und Einsatzmöglichkeiten von RiskTalk, einem Reporting-Tool, das Unternehmen dabei unterstützt, aktives Mitdenken zu fördern und Risikoinkubation zu verhindern. RiskTalk schafft ein gemeinsames Verständnis für Probleme, Auffälligkeiten, Risiken und Ideen. Dabei hilft RiskTalk nicht nur Probleme zu identifizieren, sondern bietet Nutzern auch die Möglichkeit, Vorschläge einzureichen und so aktiv und sichtbar zu Verbesserungen beizutragen. Wir haben RiskTalk gemeinsam und erfolgreich mit dem schweizerischen Stromnetzbetreiber Swissgrid getestet und suchen nun weitere Unternehmen, um die Wirkung von RiskTalk breiter abgestützt untersuchen zu können. Weiterführende Informationen über das Swissgrid-Pilotprojekt und Ihre Möglichkeiten, daran teilzunehmen, erhalten Sie hier: https://risktalk.ch/SwissERM/

Die tödliche Explosion auf der Deepwater Horizon von BP, der Zusammenbruch von Lehman Brothers und der Abgasskandal bei Volkswagen stehen exemplarisch für menschengemachte Katastrophen, die im Grunde vermeidbar gewesen wären. Warum also konnte es dennoch dazu kommen? Forschern zufolge haben alle drei Beispiele im Wesentlichen eines gemeinsam: einen langen Inkubationszeitraum, in dem potenzielle Risiken und Unregelmässigkeiten weder auf der Managementebene noch in der Geschäftsführung ernst genommen wurden.

Blindheit gegenüber Fehlverhalten, Unregelmässigkeiten und Auffälligkeiten findet sich heute leider in vielen Unternehmen. In ihrem kürzlich erschienenen Buch (The Stupidity Paradox, 2016) warnen die Forscher Mats Alvesson und André Spicer sogar vor überambitionierten Managern mit einem Hang zu toll klingenden, aber letztlich unrealistischen Ideen, die ein Übermass an «unbeabsichtigter Dummheit» in ihre Unternehmen tragen. Indem sie ihre Mitarbeiter dazu nötigen, bestimmte Sicht- und Arbeitsweisen zu übernehmen, mögen solche Manager vorübergehend für stärkere Fokussierung und grössere Effizienz sorgen – allerdings wirken solche Erfolge zumeist nur kurzfristig. Auf lange Sicht entsteht durch solches Vorgehen bestenfalls die Illusion von Kontrolle – und im schlimmsten Fall eine Form von «organisatorischer Dummheit» mit katastrophalen Folgen.

Denn während sich vereinzelte kleine Probleme anfangs noch guten Gewissens ignorieren lassen, können sich diese Kleinigkeiten später zu gewaltigen Problemen auftürmen. Spätestens dann ist die Kluft zwischen Rhetorik und Realität nicht mehr zu übersehen – und wenn Mitarbeiter, Kunden und Öffentlichkeit diese Diskrepanz wahrnehmen, verlieren sie das Vertrauen in das Unternehmen.

Doch das bedingungslose, kurzsichtige Verfolgen solcher Unternehmensziele kann noch weitaus gefährlichere Konsequenzen haben: Es bereitet den Boden für ausgewachsene Krisen und Katastrophen wie in den oben angeführten Beispielen.

Nur wenn Mitarbeiter wieder selbstständig und gesamtheitlich denken sowie den Sinn von Arbeitsweisen kritisch hinterfragen, sind sie in der Lage, der organisatorischen Dummheit einen Riegel zu schieben.

Risikomanagement ist ein Paradebeispiel dafür. In unserem aktuellen Buch (Riskwork, 2016) stellen einige Kollegen und ich eine Reihe von Studien vor, die den Arbeitsalltag im Risikomanagement dokumentieren. Dabei kommen wir zu dem Schluss, dass der exzessive und unreflektierte Gebrauch von bestimmten Begrifflichkeiten und Technologien aus dem Bereich des Risikomanagements der Sache eher schaden als nutzen dürfte. Dagegen zeige ich in meiner Studie «The Triumph of the Humble Chief Risk Officer» die grosse Bedeutung von «Risk Talk» auf – einer unternehmensinternen Gesprächskultur über Risiko- und Sicherheitsfragen, die so praxisnah und beiläufig gestaltet ist, dass den meisten gar nicht auffällt, dass sie sich gerade am Risikomanagement beteiligen.

„Risk Talk“ herbeizuführen ist nicht einfach. Die Menschen müssen es verinnerlichen. Technologie kann dabei helfen – die Anwendung muss jedoch wohlüberlegt sein. Ein Problem, das viele formelle Reporting-Systeme teilen: Risikomanager können von einer Flut von vielen nicht priorisierten Meldungen überflutet werden – oder im anderen Fall können überhöhte Anforderungen an die Mitarbeitenden, Meldungen zu beurteilen und zu klassifizieren dazu führen, dass sie auf das Melden von Ereignissen verzichten, da dies zu abstrakt oder zu aufwändig ist.

Mit den Erkenntnissen der Universität Lausanne haben wir ein einfaches, niederschwelliges Reporting-System entwickelt, das wir „RiskTalk“ nennen. Es befähigt Menschen, Ereignisse und Probleme einfach und sofern sie möchten auch völlig anonym zu melden – zum Beispiel mit einem Smartphone. Zudem können sie ihre Meldungen den Unternehmenszielen (z.B. Safety first) zuordnen. Damit kann der Risikomanager im Backoffice die Meldungen gemäss den unternehmerischen Prioritäten sortieren und so die Aktivitäten zielorientiert auslösen, überwachen und steuern.

Wir haben RiskTalk zusammen mit Swissgrid, dem Betreiber des schweizerischen Höchstspannungsnetzes getestet und dabei festgestellt, dass es durchaus gelingen kann, „passives Reporting“ durch von den Mitarbeitern getragene Aktivitäten abzulösen und damit die Ausrichtung der Unternehmenskultur auf die Unternehmensziele und -prioritäten zu erwirken.

Wir freuen uns, RiskTalk den Mitgliedern von SwissERM zu Testzwecken zur Verfügung zu stellen. Interessierte Mitglieder können RiskTalk auf ihre Nutzerbedürfnisse und ihre Ziele oder Prioritäten angepasst für drei Monate kostenlos nutzen. Wir möchten damit die Wirkung von RiskTalk anhand einer grösseren Zahl von Unternehmen analysieren. Dieses Angebot ist begrenzt („first come first served“). Die Anmeldungsfrist beginnt heute und endet am 30. September 2107.

Am Ende des Pilotversuchs werden wir die Nutzer um ihr Feedback bitten, welches in unsere Forschung im Bereich Risikomanagement eingehen wird. Die Resultate werden den Teilnehmern zugänglich gemacht. Unternehmen, die RiskTalk weiterhin nutzen möchten, können dazu nach Ablauf eine Lizenz von der Universität erwerben.

Melden Sie sich heute an unter https://risktalk.ch/SwissERM/

RISKTALK BEI SWISSGRID

Um sicherzustellen, dass das RiskTalk-Tool den Praxisansprüchen – insbesondere auch den Bedürfnissen einer sogenannten «High Reliability Organization» – genügt, und um grösstmögliche Wirkung zu erzielen, sind das RiskTalk-Team der Universität Lausanne und Swissgrid eine Kooperation eingegangen.

Die nationale Netzgesellschaft Swissgrid (www.swissgrid.ch) betreibt als Eigentümerin des schweizerischen Höchstspannungsnetzes eine kritische Infrastruktur mit hoher Relevanz für die Schweizerische Wirtschaft und Gesellschaft. Als Mitglied des europäischen Netzwerkes der Übertragungsnetzbetreiber ist sie ausserdem für die Koordination und Netzauslastung im Rahmen des europäischen Stromaustausches zuständig.

Angesichts der grossen Tragweite von inkubierenden Risiken hat sich Swissgrid für einen proaktiven Ansatz entschieden. Als Entwicklungs- und Industriepartner von RiskTalk arbeitete Swissgrid eng mit den Forschern der Universität Lausanne zusammen und konnte als erstes Unternehmen prüfen, wie das einfache, intuitiv verständliche Kommunikationstool RiskTalk die Mitarbeiter dazu ermutigt, selbstständig und gesamtheitlich zu denken, ihren Arbeitsalltag kritisch zu hinterfragen und auf Unregelmässigkeiten und Probleme hinzuweisen, die ihrer Ansicht nach Schwierigkeiten verursachen könnten. Das Tool erlaubt es den Mitarbeitern darüber hinaus, eigene Ansichten, Erfahrungen und Lösungsvorschläge für diese Probleme einzubringen.

Die Angestellten von Swissgrid nahmen das Tool begeistert an. Im Laufe einer sechsmonatigen Testperiode wurden insgesamt knapp 200 Anliegen von rund einem Viertel der 450 Angestellten gemeldet, die rund 100 Lösungsvorschläge einbrachten, und knapp 100 der Problemfälle konnten gelöst werden. Dabei wurden mit Hilfe von RiskTalk einige «Beinahe-Zwischenfälle» identifiziert, die die Swissgrid halfen sich zu verbessern und so wiederum dabei geholfen haben, «echte Zwischenfälle» zu vermeiden.

RiskTalk bietet also weit mehr als nur „talk“ – es hat zahlreiche konkrete Handlungen ausgelöst. So wurden wir auf diesem Wege unter anderem auf unzureichende Sicherheitsvorkehrungen, unzuverlässige technische Geräte, beschädigte Infrastruktur und notwendige Trainingsmassnahmen aufmerksam gemacht – ausserdem auf alltäglich wirkende Dinge wie unsichere Türen und Treppen in einem der Bürogebäude. Überraschend war für uns, dass RiskTalk zur Entstehung einer gemeinsamen sprachlichen Basis zur Risikodiskussion beigetragen hat und so ein Umfeld entstanden ist, in dem Probleme proaktiv und ohne Schuldzuweisungen gemeldet werden können. Obwohl RiskTalk weitestgehend selbsterklärend ist, müssen solche Veränderungen in der Unternehmenskultur von der Geschäftsführung unterstützend begleitet werden; dennoch verdankt es seine enorme Wirksamkeit nicht nur der Chefetage, sondern eher seiner «Bottom-up-Dynamik».

Nachdem unsere Mitarbeiter beobachten konnten, dass mithilfe dieses Tools konkrete Probleme gelöst und Veränderungen umgesetzt werden können, stieg die Bereitschaft, potenzielle Probleme zu melden und sich selbst einzubringen. Derzeit ist RiskTalk zwar noch nicht für alle Mitarbeiter verfügbar, dennoch beobachten wir bereits eine gesunde Neugierde im ganzen Unternehmen und haben bereits viele Anfragen von Freiwilligen, die bei RiskTalk mitwirken möchten. Unser Ziel ist es, dieses positive Momentum beizubehalten, wenn wir RiskTalk in naher Zukunft allen Mitarbeitern zur Verfügung stellen – nicht nur innerhalb von Swissgrid, sondern auch in unserer erweiterten Wertschöpfungskette.

Denn letztlich wünschen sich die meisten Mitarbeiter ein einfaches, schnörkelloses Tool, das sie unterstützt, ihre Arbeit besser auszuführen.

 

Von Anette Mikes und Kurt Meyer

Anette Mikes ist Professorin an der Universität Lausanne und leitet die Forschungen zum Projekt «RiskTalk», das die Aktivierung des Risikodialogs und die Stärkung Mitarbeiterbeteiligung zum Ziel hat.

Kurt Meyer ist Chief Risk Officer bei Swissgrid und leitet das RiskTalk-Pilotprogramm bei Swissgrid und den wichtigsten Partnern in der erweiterten Wertschöpfungskette.

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